Dem ersten Vers, der in äußerst komprimierter und abstrakter Form Zeugnis ablegt von der Existenz verschiedener Rückwege zu TAO, folgen in Laotses Verssammlung noch weitere 80 Verse. TAO bleibt unerklärbar, doch der Weg zu TAO beginnt auf der Seinsstufe, auf der wir uns gerade befinden. Auf indirekte Weise, aber verständlich für jene, die zum Weg berufen sind, enthalten alle Verse klare Hinweise auf die notwendige Umkehr und den dann einsetzenden inneren Umwandlungsprozeß des Menschen, damit er Schritt für Schritt wieder in die Position des ehemals kosmischen Menschen, genannt auch der "wahre Mensch" oder der "königliche Mensch", hineinwachsen kann.
"Es gibt da ein nicht faßbares Etwas, formlos, chaotisch
und doch schöpferische Urmasse allen Werdens,
schon daseiend vor der Entstehung von Himmel und Erde;
tonlose Stille
formlose Leere
in sich allein ruhend, ohne Wandlung
unerschöpflich, alles durchdringend
hieraus bildet sich die Urmater der Schöpfung.
Ich weiß ihm keinen Namen
und nenne es TAO."
(Tao Te King, Vers 25)
Laotse benutzte ersatzweise das Wort TAO, um das nicht faßbare, nicht erklärbare und nicht nennbare Etwas in menschlicher Sprache wiederzugeben. Diesem vom menschlichen Verstand nicht erfaßbaren, von menschlichen Sinnen nicht erfahrbaren und in menschlicher Sprache nicht benennbaren Etwas kann allein das innerste Wesen in der Stille begegnen, nachdem es von allen aufgesetzten Werten, die sich wie eine Maske über es stülpen, befreit wurde.
Laotse beschreibt in seinen 81 Versen des Tao Te King den Weg aus dem Verhaftet-Sein in den tausendfältigen Erscheinungen der äußeren Welt zurück zur Einfachheit und Unberührtheit der ersten Schöpfungsstunde. Diese Verssammlung trägt den Titel Tao Te King, die als "Anleitung" zu Wegen zu TAO angesehen werden. Die Neuübersetzung von Heinz Klein macht dies sehr deutlich.
Laotse, Pseudonym für einen unbekannten Verfasser, lebte in vorchristlicher Zeit in China. Er wird von einigen Historikern ins siebente und von anderen ins vierte vorchristliche Jahrhundert datiert. Seine Lehre von der zweifachen Transformation des Menschen, der nach dem Bewußtsein aus dieser Natur lebt, zum wahren Menschen, der die dritte kosmische Position zwischen Himmel und Erde innehat, wird in den Zeilen der 81 Verse kontinuierlich in versteckter und doch offener Form für den berufenen Leser aufgezeigt. Und diese Lehre ist zeitlos und nicht an eine Person oder an eine Kultur gebunden. So können denn jene, die "kein Begehren nach Erfüllung ihrer Wünsche haben, gering bleiben und die Neuschöpfung (die Transformation) in sich vollziehen" (Tao Te King, Vers 15).
Der berufene und dem Erwachen nahe Leser, jener, der das strahlende "Kleinod" unverletzt in seiner Brust trägt, wird nicht in irgendein Geheimwissen chinesischer Meister aus vorchristlicher Zeit eingeführt, sondern unter immer neuen Aspekten zum Wenigerwerden angeleitet, "bis er zum Nicht-Tun gelangt" (Tao Te King, Vers 48).
Mit Nicht-Tun bezeichnet der taoistische Text das Tun des transformierten Menschen, der nicht weiter ichbezogen mit seinen Absichten in die Schöpfungsvorgänge eingreift, sondern die Schöpfungskräfte in reiner Form durch sich und die ganze Schöpfung fließen läßt. Diese Aussage wird besonders durch die chinesischen Zeichen selbst belegt. Chinesische Zeichen sind Ideogramme, welche Bild- und Symbolcharakter haben. Die einzelnen Komponenten, aus denen ein Zeichen zusammengesetzt ist, aktivieren jene Bewußtseinsfelder, die assoziativ mit aufgerufen werden, damit der Leser intuitiv in den großen Sinnzusammenhang vordringen kann. Denn für die Chinesen gibt es keine Trennungslinie zwischen den einzelnen Teilen der Schöpfung.
Eine Erklärung der einzelnen Schriftzeichen ist im Vorwort der Neuübersetzung des Tao Te King enthalten, es steht hier zur Ansicht (als PDF-Datei) zur Verfügung.
Wer mit aufstrebendem Selbstbewußtsein, welches losgelöst von den kosmischen Prinzipien sich selbst verwirklichen will, in die Schöpfung eingreift, schnürt sich selbst zu. Er hindert den freien Fluß kosmischer Kräfte, und aus dem Gefühl der Isolation ergreift er von allem Besitz, was ihm in die Krallen kommt. Die Lebenskräfte, die ihm zufließen, werden nicht nur festgehalten, sondern in großem Maße degeneriert. Und alles Tun des Menschen in diesem Zustand trägt auch degenerative Züge. So entsteht aus der reinen Urschöpfung eine Antischöpfung, die von einem Bewußtsein gelenkt wird, welches sich nicht mehr den kosmischen Prinzipien verpflichtet fühlt. Die Energien, welche die Antischöpfung aufrechterhalten, werden im Chinesischen bezeichnet mit niederem TE. Dieses hat im Gegensatz zum hohen TE nur eine niedere Schöpfungsvibration, die vollkommen vom menschlichen Eigenwillen geprägt ist. Aber kraft dieser degenerierten kosmischen Kräfte kann der von den kosmischen Urprinzipien losgelöste Mensch seine Welt bauen und vom Ursprung immer weiter fort entwickeln.